Im Zug

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Ich fahre sehr gerne Zug und auch wenn ich meine Eltern besuche, dann  benütze ich dazu die öffentlichen Verkehrsmittel, zu Fuss wäre es zu  weit und Auto haben wir (noch) keines.

Im Sommer fahre ich sie manchmal mit dem Velo (Fahrrad) besuchen,  aber dazu mehr in einem anderen Artikel, sonst wird dieser hier viel zu  lang 🙂

Ich sass also wieder einmal im Zug von Bern Richtung Biel, las ein  Buch und genoss die Fahrt. Ab und zu schaute ich zum Fenster raus und  betrachtete die Landschaft.

Die Stimme des Kontrolleurs durchbrach die Stille „Billet bitte –  danke schön“ und es dauerte nicht lange bis er zu meinem Platz kam. Er  schaute mich kurz und abschätzig an und meinte „Billett bitte!“

Ich holte mein Portemonnaie hervor, zog das Billet raus und zeigte  es, worauf der Kontrolleur sich wortlos abwandte und weiter ging.  „Billet bitte – danke sehr“

Subhanallah, bei einer Frau mit Kopftuch muss man sich nicht  bedanken, die versteht das ja eh nicht. So ähnlich jedenfalls scheint  dieser Kontrolleur zu denken! Man vergisst also manchmal bei einem  vermeintlichen Ausländer sogar den Anstand.

Warum ist das so?

Warum denkt man so „beschränkt“?

Warum geht man einfach automatisch davon aus, dass eine Frau mit  Kopftuch kein Deutsch kann?

Ein anderes Mal sass ich wieder in einem Zug, es war Feierabend und  ich war auf dem Heimweg von Biel. Ich kramte mein Buch hervor, diesmal  „Als Muslim leben“ -von Maududi und begann zu lesen. An einer der  nächsten Stationen stieg eine Frau ein, welche sich vis à vis von mir  setzte. Ab und zu merkte ich, wie sie mein Buch anschaute, neugierig was  ich wohl las. Plötzlich klingelte mein Handy, es war meine Kollegin,  ebenfalls eine konvertierte Schweizerin. Ich nahm den Anruf an „Salam  alikoum wa rahmatullahi wa barakatu“ und begann mit meiner muslimischen  Schwester auf Berndeutsch zu sprechen. Wir hatten uns einiges zu  erzählen und da der Wagon des Zuges nicht allzu voll war, habe ich etwas  länger gesprochen, wären mehr Menschen drin gewesen, hätte ich das  Telefongespräch so kurz wie möglich gehalten.

Während dem Gespräch stellte ich plötzlich fest, dass mich die Frau  vis à vis völlig entgeistert ansah. Sie war richtig verblüfft und  schaute mich fast die ganze Zeit an. Ich tat als würde ich es nicht  bemerken. Als ich den Anruf beendete, begegnete ich ihrem Blick und da  sagte sie „Sie müssen entschuldigen, aber dieses Berndeutsch kam so  unerwartet! Sie sprechen sehr gut Deutsch“. Ich versuchte nicht zu  lachen und meinte freundlich „als waschechte Schweizerin sollte ich  schon Schweizerdeutsch können!“ Da ich merkte dass sie dadurch fast noch  mehr verwirrt war, erklärte ich ihr, dass ich zum Islam konvertiert  (revertiert) sei und daher das Kopftuch trage.

Leider musste die Frau an der nächsten Haltestelle aussteigen, sie  verabschiedete sich freundlich und meinte, dass es sie sehr gefreut  habe, mich kennengelernt zu haben.

An einem anderen Tag war ich mit einer Kollegin und deren Mutter im  Zug, wir kämpften uns nach der Abfahrt des Zuges durch die Wagons, auf  der Suche nach einem Platz. Der Zug war ziemlich voll, als wir uns so  durch die Gänge kämpften, begegnete ich dem Blick eines älteren Herrn.  Als wir weitergingen hörte ich diesen folgendes sagen: „Ou lueg,  Hudufroueli hets ou im Zug“ (in Deutschland würd man wohl sowas sagen  wie „Schleiereulen hats auch im Zug). Ich hatte keine Lust mich nochmal  umzudrehen und was zu antworten. Subhanallah.

So und ähnlich verlaufen viele Zugfahrten 🙂

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