Mein verlorener Zwilling

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Ich bin Karin. 32 Jahre lang war ich ein Einzelkind, manchmal fühlte ich mich einsam, traurig und wusste nicht warum. Etwas hat gefehlt, irgend etwas „war nicht richtig, nicht an seinem Platz“. Es ist schwierig dieses Gefühl zu beschreiben, schwierig zu erklären wie ich das gefühlt habe. Seit ich denken kann, habe ich mir einen Bruder gewünscht, der Wunsch war so stark, dass es manchmal schon fast weh tat.

Es gab viele Momente wo ich mich mehr wie ein Junge fühlte, lieber Spiele und Beschäftigungen „für Jungs“ mochte etc und später gab es manchmal so was wie ein „Gedankenblitz“ und ich hatte das Gefühl jemanden in der Welt vertreten zu müssen.

Aber warum?
Und wen?

Heute ist der 3. Juli 2010 und ich weiss, ich war kein Einzelkind, ich hätte nicht nur Geschwister, sondern ich hatte einen Zwillingsbruder. Ich habe einen Bruder!

Mancher würde jetzt sicher denken „nun hat die Karin echt einen Knacks“ – aber nein, es ist tatsächlich die Wahrheit.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele Schwangerschaften als Mehrlings-Schwangerschaften beginnen. Das heisst, dass sich ganz am Anfang der Schwangerschaft, zwei oder mehrere Embryos in der Gebärmutter befinden. Über den Prozentsatz der Häufigkeit dieses Phänomens gibt es verschiedene Ansichten, die Zahlen pendeln zwischen 20 – 80 % aller Schwangerschaften. Das bedeutet, dass viele Menschen eigentlich als Zwilling, oder Mehrling entstanden sind, aber oftmals eben das zweite, dritte oder vierte Embryo stirbt und das meist bevor es auf einem Ultraschallbild überhaupt gesehen werden könnte.

Warum manche Embryos absterben, möglicherweise aus körpereigenem Schutz, da vielleicht sonst beide Kinder gefährdet wären oder anderes. Meist merkt auch niemand, wenn ein Embryo stirbt, die Mutter muss das nicht unbedingt bemerken, aber das oder die anderen Embryos schon.

Ich weiss, das tönt alles nach Science Fiction, aber es ist Realtität und es ist genauso Realität dass dieser vorgeburtliche Verlust den überbleibenden Zwilling prägt. Die Verbindung zum Zwilling ist intensiver als die zu der Mutter, der Zwilling ist naher und von Anfang an dabei. Der Herzschlag wird gehört, die Gegenwart gespürt – wenn dann plötzlich das Gegenüber nicht mehr da ist, hinterlässt das ganz logischerweise Spuren. Nach der Geburt kann man sich vielleicht lange nicht mehr bewusst an den Zwilling/Drilling etc erinnern, aber im Unterbewusstsein fehlt er und das beeinflusst das ganze Leben.

Anhand von Fotos aus meiner Kindheit bin ich meiner Vergangenheit auf die Spur gegangen. Auf vielen Fotos sehe ich sehr jungenhaft aus, viele Situationen fallen mir wieder ein und bei einzelnen Bildern ist es, als würde ich meinem Zwilling in die Augen schauen. Zudem habe ich mit Hinweisen einer Freundin entdeckt, dass ich auf Fotos wo ich zu zweit mit einer Freundin abgebildet bin, oder mit einem Cousin etc viel glücklicher wirke als auf Fotos wo nur ich zu sehen bin.  Ausserdem ist mir wieder bewusst geworden, wie alleine ich mich manchmal in den Ferien „nur“ mit den Eltern gefühlt habe und wie glücklich ich in Frankreich-Ferien gewesen bin in denen eine Schulfreundin mitkommen durfte. Beim objektiven Betrachten dieser Freundschaftsbeziehungen fiel mir plötzlich auf, dass ich dort immer mehr „die männliche Seite“ war und das brachte mich auf eine Idee.

Um dem Unterbewusstsein zu helfen, alles ans Tageslicht zu bringen, habe ich einige Fotomontagen gemacht, gerne lasse ich euch daran teilhaben, in der Hoffnung dass sie anderen Menschen helfen, allenfalls ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen.
Eigentlich bin auf beiden Fotos ich und beide Aufnahmen wurden am selben Tag und in derselben Stunde, aber auf dem linken sehe ich aus wie ein Mädchen und auf dem rechten Bild könnte ich fast ein Junge sein. Als ich diese beiden Bilder zum ersten Mal so nebeneinander gelegt habe (und das rechte spiegelverkehrt), war es als würde etwas hervorgekommen was lange verschüttet gewesen war. Mein Herz tat in diesem Moment so weh, Tränen liefen mir herunter und es war als würde es mich zerreissen. Nein, ich brauche keinen „Beweis“, ich wusste in diesem Moment mit absoluter Sicherheit dass ich einen Zwillingsbruder gehabt habe, der mir sehr ähnlich gesehen haben muss. Diesen Moment werde ich in meinem Leben nie vergeessen. Einerseits war ich unendlich traurig, anderseits wusste ich endlich woher all die Gefühle kamen, das Gefühl jemanden vertreten zu müssen, das Gefühl das etwas fehlt, das Gefühl dass es mich innerlich zerreisst manchmal und ich nie wusste warum.

Also habe ich fortgefahren mit dieser Bilderbearbeitung und habe noch 2 weitere „Zwillingsbilder“ erstellt. Das geht mit einem Foto und einer spiegelverkehrten Kopie, oder mit zwei Bildern die in derselben Umgebung aufgenommen wurden am besten.

Eines der Fotos zeigte ursprünglich mich und die damalige Schulfreundin in den erwähnten Frankreich-Ferien. Ich habe das Bild nun bearbeitet wie es hätte es aussehen können, wenn mein Bruder noch leben würde.
Nein, meine Reise in die Vergangenheit und das verarbeiten all der neuen Gefühle ist noch lange nicht zu Ende. Es braucht seine Zeit, braucht Kraft, zu verarbeiten, dass jemand da war und man ihn aber verloren hat, er nie wieder da sein wird. Es tut weh, aber ich versuche immer an die Vorstellung vom Paradies zu denken und daran, dass wir uns dort wiedertreffen werden.

Aber im Moment mag ich noch nicht loslassen, ich habe meinen Zwillingsbruder doch gerade erst gefunden! Willkommen Bruderherz!

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